Erster Mai – Kampftag, Folklore oder einfach ein freier Tag?

Nun ist es wieder soweit: Allerorten mobilisiert die organisierte Arbeiterbewegung zu Kundgebungen und Demonstrationen, um sich zu teilweise traditionellen, teilweise zeitgemäßen und teilweise überraschenden Themen zu äußern. Gewerkschaftsfunktionäre treten Ihren Mitgliedern gegenüber und mobilisieren für gewerkschaftliche Ideen und Ziele, Politiker sind eher geduldete Zaungäste. Es geht bei den Kundgebungen politisch, manchmal sehr grundsätzlich und gelegentlich laut zu – aber immer auch gesellig. Keine Maikundgebung ohne angemessene, häufig multikulturelle Gastronomie. Von chaotischen, manchmal leider gewalttätigen Maikundgebungen grenzt sich der offizielle 1. Mai entschieden ab.

Erster Mai Demonstration und Human Resources

Seit der Haymarket Riot am 1. Mai 1886 in Chicago hat sich zumindest in den westlichen, sozialpartnerschaftlichen Demokratien Einiges am 1. Mai verändert. Aber immer noch geht es um den – vermeintlichen oder tatsächlichen? – Gegensatz von Kapital und Arbeit. Egal, ob das beherrschende Thema Mindestlohn, die Rente mit 63, die Digitalisierung in der Arbeitswelt oder Europa (“Europa – jetzt aber richtig!”, wie in diesem Jahr) ist. Insofern wirkt vieles am 1. Mai äußerst traditionell und auf viele Angehörige der Generationen X und Y, nicht allzu anziehend. Aber “abhängig beschäftigt” sind eben auch die jungen, digital affinen Crowdworker oder sie sind Freelancer und damit in einer – noch größeren – Abhängigkeit, was ihnen erst im Laufe ihres Berufslebens bewußt wird. Nicht zu reden von jungen befristet Beschäftigten, die noch gar keine Berufsbiographie im klassischen Sinn haben, einschlagen können.

Damit ist der 1. Mai – so oder so – ein HR-Thema. Denn das Spannungsverhältnis zwischen Ansprüchen des Unternehmens an “seine” Beschäftigten auf der einen und Ansprüchen der Beschäftigten an “ihr” Unternehmen auf der anderen Seite besteht unbestreitbar. Und HR ist genau die unternehmerische Funktion, die mit diesem Spannungsverhältnis täglich umgehen muss. Ganz gleich, ob es um Entgelthöhe, Urlaubsansprüche, Überstunden, manchmal leider auch Restrukturierungen und Sozialpläne geht oder um Mitarbeiterbeteiligungsmodelle und das Mitbestimmen und Mitentscheiden der (nicht umsonst?) “Mit”arbeiter genannten Menschen im Unternehmen. Von HR werden Lösungen erwartet, die dieses Spannungsverhältnis austarieren. Lösungen, durch die Mitarbeiter gewonnen, gebunden und entwickelt werden können, die aber das einzelne Unternehmen nicht überfordern – z.B. was Geld oder Freizeit angeht.

Auch am 1. Mai sollte deshalb der internationale, im Grunde ja globale Wettbewerb nicht aus den Augen verloren werden, unter dem gerade auch mittelständische Unternehmen heute stehen. Wobei es wohl zu viel verlangt wäre, dass Kundebungsredner gerade auf Wettbewerbsdruck, Flexiblisierungs- und Anpassungsnotwendigkeit von Unternehmen hinweisen. Aber ab dem 2. Mai holt der betriebliche Alltag auch Gewerkschafter und gewerkschaftlich organisierte Betriebsräte in den Unternehmen wieder ein, die ebenso wie HR mit dem Spannungsverhältnis zwischen unternehmerischen Zwängen und Zielen einerseits und den Erwartungen und Interessen ihrer Mitglieder und Wähler umgehen müssen.

Viel erklären müssen im Betrieb also beide: Der Betriebsrat und der HRler. Der HRler muss darüber hinaus Geschäftsführungen und Vorständen von Unternehmen immer wieder deutlich machen, dass es Loyalität, Engagement und – nun, ja – auch Leidenschaft in der Arbeit nicht umsonst gibt. Nicht immer eine leichte Aufgabe, bei der mit Verständnis gerechnet werden kann. Dabei kann HR sich nicht auf eher wohlfeile Argumente, Mitarbeitermotivation hänge nicht in erster Linie vom Geld, sondern vielmehr von Klima, Kollegen und Führung ab, zurückziehen. Diese mögen im Einzelfall zwar zutreffen, dürfen die Unternehmensleitung aber nicht aus der Verantwortung für das Materielle und die Mitbestimmung im engeren rechtlichen und weiteren unternehmenskulturellen Sinn entlassen.

Was ist der typische HRler nun am 1. Mai? Interessierter Zaungast gewerkschaftlicher Kundgebungen? Sympathisant? Zweifler, ob die nächsten Mitarbeitergenerationen mit den alten Ritualen angesprochen werden können? Oder glaubt der typische HRler, dass ihm weniger gewerkschaftliche Organisation im Betrieb entgegenkommt? Ist der HRler Skeptiker, weil gewerkschaftliches Ritual am “Kampftag” der Arbeiterbewegung und notwendiger Kompromiß im Alltag der betrieblichen Mitbestimmung zwei paar Schuhe sind, die nicht recht zueinander passen? Vermutlich ist er etwas von allem, also ein “Hybrid”, wie es heute so schön heisst.

Zwei Ratschläge kann man dem engagierten HRler am 30. April geben:

  • Zum einen: aktiv zuzuhören, was die Themen am 1. Mai sind. Welche davon haben schon jetzt oder bekommen Relevanz in meinem Betrieb? “Europa” kann in Unternehmen, mit einem hohen Anteil von ausländischen EU-Bürgern oder solchen, die vom Brexit besonders betroffen sind, ein extrem wichtiges Thema sein. Und: für politische Diskussionen zum Wert des vereinten Europas, an denen engagierte HRler sich auch beteiligen sollten, bieten die Maikundgebungen mit Sicherheit Stoff!
  • Zum zweiten: nicht ganz zu vergessen, welch langen und erfolgreichen Weg die organisierte Arbeiterbewegung seit der Haymarket Riot zurückgelegt hat und wie sehr dieser Weg den “rheinischen Kapitalismus” bei uns positiv geprägt hat. Etwas historisches Bewußtsein erleichtert (und inspiriert?) so die Diskussionen, die am 2. Mai in den Betrieben wieder beginnen.

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